Über die Kunst, Ruhe und Kraft zu vereinen

Über die Kunst, Ruhe und Kraft zu vereinen

MAINZLAR. Wilfried Laucht schaut ans andere Ende der Bahn. „Setz ein Maß“, kommt von dort die Anweisung. Schnell wechselt der Spieler die Bodenplatte seines Eisstocks. Dann richtet sich sein Blick wieder auf das Bahnende. Konzentration und Anspannung sind spürbar, es herrscht absolute Stille. Sekunden später kommt ein erleichterter Seufzer aus seinem Mund. Die Freude über den gelungenen Stoß ist unverkennbar.

Genau wie über den erfolgreichen Trainingsschuss freut sich Präsident Wilfried Laucht auch, dass die Eisstockschützenabteilung des TV Mainzlar in den wenigen Jahren ihres Bestehens schon auf 50 Mitglieder angewachsen ist und einige sportliche Erfolge zu verbuchen hat: Über Qualifikationsturniere erreichte sie die Landesliga und in diesem Jahr sogar die Oberliga.

Im Gegensatz zu den Turnieren, die natürlich auf Eis ausgetragen werden, spielen die Mainzlarer zu Hause neben dem Fußballplatz auf Kunststoff oder Asphalt. Diese Bahnen stehen das ganze Jahr zur Verfügung und sind erheblich günstiger in der Unterhaltung. Allerdings variiert die Schnelligkeit der Bahnen sehr stark. Bei Nässe werden die Beläge rutschiger und die Stöcke haben somit weniger Widerstand.
Doch als ich den ersten Probestoß wage, merke ich schnell, dass man bei Trockenheit viel Kraft aufwenden muss. Schon nach einigen Metern verhungert der Debütstoß. Aber mit der Zeit bekomme ich den Dreh heraus und nach einigen Versuchen gleitet das Spielgerät schließlich ins Zielgebiet.

Drei Kategorien
Wie funktioniert nun Eisstockschießen? Zunächst werden drei Kategorien unterschieden: Mannschaftswettbewerb, Ziel– und Weitschießen. Die beiden letzteren erklären sich von selbst und werden eher selten praktiziert. Bei der ersten Variante bilden vier Spieler eine Mannschaft. Diese versuchen sechs Kehren (Durchgänge) lang Punkte zu erzielen. Am einen Ende der Bahn befinden sich die Mannschaften, am anderen liegt das Zielfeld, das drei mal sechs Meter misst. In der Mitte dieses Feldes wird die sogenannte Daube platziert, eine Hartgummischeibe von zwölf Zentimetern Durchmesser.

Ähnlich wie Boule
Inzwischen haben sich alle Aktiven warmgeschossen. Wir versammeln uns um das Zielfeld, da die beiden Trainingsgruppen eingeteilt werden. Jeder schießt auf Kommando seinen Stock Richtung Mitte. Die vier, die nun am nächsten zur Mitte liegen, bilden ein Team, die äußeren vier Eisstöcke bestimmen das andere. Schnell werden noch Ringelsöckchen über die Stöcke eines Teams gestülpt, um eine klare Unterscheidung zu gewährleisten. Dann kann es losgehen.
Das Ziel ist es nun, die eigenen Eisstöcke möglichst nahe an die Daube zu bringen, ähnlich wie beim französischen Boule. Der Spieler, der an der Reihe ist, stellt sich mit einem Fuß auf eine rote Linie, die sogenannte Abschuss-Stelle.

Dabei schwingt er den Eisstock mehrmals kräftig vor und zurück, um genügend Schwung zu entwickeln. Währendessen konzentriert sich sein Blick auf das anvisierte Ziel. Nach dem Anlauf folgt ein Ausfallschritt und der Eisstock gleitet in Richtung Zielfeld. Kaum ist der erste Stock gespielt, geben die beiden Spielführer ihrer Mannschaft vom anderen Ende der Bahn Anweisungen. Obwohl äußerlich alles recht unterkühlt wirkt, ist die knisternde Spannung doch greifbar.

„Schieß den lieber raus“, ruft Wilfried Laucht herüber. Leichter gesagt als getan, trotz eiligem Wechsel der Platte verfehlt der Schütze den gegnerischen Stock. Das ist ärgerlich, denn nachdem eine Mannschaft eine Kehre eröffnet hat, ist immer diejenige an der Reihe, deren Stock nicht am nächsten zur Daube liegt. Daher ist es immer die primäre taktische Aufgabe, der anderen Mannschaft das Schussrecht zuzuschieben. Nur wenn man den finalen Schuss hat, sind die Chancen auf Punkte deutlich höher. Da mein Mitspieler das Schussrecht nicht abgeben konnte, muss ich jetzt versuchen, die Kohlen noch aus dem Feuer zu holen. Nach einem unkoordinierten Stoß freue ich mich, überhaupt das Zielfeld getroffen zu haben. Obwohl sich der Stock wild hin- und hertrudelnd der Daube nähert, erfüllt er zu meiner Überraschung seine taktische Aufgabe. Gut gemacht oder Glück gehabt? Egal, Hauptsache der Gegner ist wieder dran.

Platten-Wechsel
Um einen Eisstock am nächsten zur Daube zu schieben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder „ein Maß setzen“, das heißt, die Daube genau anzupeilen, oder einen gegnerischen Eisstock aus dem Zielfeld zu befördern, indem man ihn mit dem eigenen Stock wegschießt. Um die optimale Geschwindigkeit für einen Schuss zu haben, wechseln die Spieler die Platten ihrer Stöcke, die nach Farben gegliedert sind. So steht Blau beispielsweise für einen sehr langsamen Schuss. Sind alle acht Stöcke gespielt, wird abgerechnet: Für den am nächsten zur Daube liegenden Stock gibt es drei Punkte. Jeder weitere Stock derselben Mannschaft wird mit zwei Punkten bewertet, wenn er im Zielfeld ist, und kein gegnerischer Stock näher am Zielobjekt liegt.

Maßarbeit
Hier scheiden sich an diesem Trainingsabend zum ersten Mal die Geister. Während meine Ringelsöckchen-Truppe überzeugt ist, den Triumph der Gegenseite gerade noch verhindert zu haben, behauptet diese wiederum, ihr vierter Stock sei näher an der Daube als unser erster. Erst das Maßband zeigt, dass wir wenigstens einen Stock zwischen Zielscheibe und Gegner plaziert haben. So gibt es nur sieben statt der erhofften neun Punkte für unsere ringelsockenfreien Kontrahenten. Maximal sind in einer Kehre neun Punkte zu erreichen, also bei sechs Durchgängen 54 Punkte, wobei pro Kehre immer nur eine Mannschaft punkten kann. Der Bewegungsablauf errinnert dabei stark an Kegeln. Besonders für Anfänger des Eisstockschießens erweist sich die Koordination zwischen der Ruhe zum Zielen und der benötigten Kraft aber schwieriger als gedacht, da die Stöcke zwischen 4,8 und 5,7 kg wiegen.

Doch der Reiz, den perfekten Stoß zu landen, lässt einen trotz der oben erwähnten, anfänglichen Missgeschicke, so schnell nicht wieder los. Durch die Praxis versteht man die Regeln relativ schnell. Wenn man das Eisstockschießen aber richtig beherrschen will, muss Zeit und Geduld investiert und vor allem versucht werden, die Balance zwischen Ruhe und Kraft zu finden. Auf dem Eis, besonders bei klirrender Kälte und mit Glühwein, ist dieser Sport besonders faszinierend, meinen die Mainzlarer Aktiven. Hnizu kommen aber auch der Reiz von wechselnden taktischen Situationen und die erfrischende Bewegung an der frischen Luft.

Wer Interesse bekommen hat, einmal mit zuspielen, kann sich bei Wilfried Laucht unter der Telefonnummer 06406-3181 erkundigen.

Von Benjamin Sauer (09.November 1999)